Die älteste Lehre von Licht und Reinheit

Der Zoroastrismus, die Lehre des Propheten Zarathustra, ist eine der ältesten Religionen der Welt — geprägt im vorchristlichen Persien, heute vor allem vertreten durch die Parsen in Indien und Gemeinden im Iran. Zentral ist der Kampf zwischen Ordnung und Chaos, Licht und Finsternis; die Elemente Erde, Wasser und Feuer gelten als heilig und dürfen nicht verunreinigt werden. Ein Leichnam aber ist nach zoroastrischer Lehre unrein: Er würde die heilige Erde vergiften, das Wasser trüben, das Feuer entweihen. Aus dieser Reinheitslehre ergibt sich eine der ungewöhnlichsten Bestattungsformen der Weltgeschichte — die Dakhma, die sogenannten Türme der Stille.

Der Turm der Stille

Ein Dakhma ist ein runder, offener Turm mit konzentrischen Steinringen, meist auf einsamen Hügeln errichtet. Die Toten werden dort aufgebahrt, sodass Geier und Witterung den Körper zersetzen, bis nur noch die Knochen bleiben; diese werden anschließend in einen Beinkeller verbracht. Die Erde bleibt unberührt, das Wasser ungetrübt, das Feuer unbenutzt — die Reinheit der Schöpfung ist gewahrt. Nur besonders geweihte Träger und Priester dürfen den Turm betreten; ihre Berührung mit dem Leichnam macht sie unrein und erfordert Reinigungsriten.

Ablauf einer zoroastrischen Bestattung

  • Gebete am Sterbebett: Rezitation aus dem Avesta, das heilige Feuer wird in die Nähe gebracht.
  • Sagdid: Ein Hund wird herbeigeführt, damit er den Verstorbenen ansieht — ein alter Ritus, der die endgültige Trennung von Seele und Körper bestätigen soll.
  • Waschung und Kleidung: Der Leichnam wird gewaschen und in weiße Tücher gehüllt.
  • Überführung zum Dakhma: Spezielle Träger bringen ihn auf Bahren zum Turm; alles, was den Toten berührt hat, gilt als unrein.

Die Jenseitsvorstellung dahinter ist ebenso klar gezeichnet: Nach dem Tod überquert die Seele die Chinvat-Brücke, wo ihre Taten gewogen werden — frommen Seelen wird die Brücke breit, den anderen schmal wie eine Klinge. Damit gehört der Zoroastrismus zu den ältesten Traditionen mit einem ethischen Gericht nach dem Tod; einen religionsübergreifenden Überblick bietet der Artikel zu den Jenseitsvorstellungen der Weltreligionen.

Niedergang und heutige Praxis

In den indischen Zentren der Parsen — Mumbai und Umgebung — funktionierten die Dakhmas jahrhundertelang reibungslos: Hunderttausende Geier sorgten für die Zersetzung binnen Stunden. In den 1990er-Jahren kollabierte die Geierpopulation Indiens binnen weniger Jahre, verursacht durch das Tierarzneimittel Diclofenac, das über verendete Rinder in die Nahrungskette der Geier gelangte. Seither vermodern die Toten auf den Türmen; Geruchs- und Hygieneprobleme führten zu einer der größten innerreligiösen Debatten der Gegenwart. Vorgeschlagene Alternativen reichen von Geierzuchtstationen über solarbetriebene Konzentratoren bis zu grüner Kremation — jede berührt das Reinheitsgebot auf eigene Weise.

Bedeutung im Vergleich

BestattungsformReligiöse Begründung
Dakhma (Zoroastrismus)Reinheit der Elemente Erde, Wasser und Feuer
Himmelsbestattung (Tibet)Letzte Gabe an Lebewesen, Vergänglichkeit des Körpers
Feuerbestattung (Hinduismus)Befreiung der Seele aus dem Körper, Opfer an Agni

Interessante Parallelen zur tibetischen Himmelsbestattung zeigen, dass ähnliche Praktiken aus ganz unterschiedlichen Weltbildern erwachsen können. Wie sehr Bestattungsformen von religiösen Grundannahmen abhängen, vertieft der Blick in die Geschichte der Bestattung.