Was ist ein Streuhaus?
Ein Streuhaus ist ein historisches Nebengebäude auf Friedhöfen, in dem Särge bis zur Beisetzung aufgebahrt wurden. Der Name leitet sich von der regionalen Bezeichnung des Sarges als Streu ab: Das Streuhaus war also das Haus, in dem das Streu aufgestellt wurde. Verbreitet ist der Begriff vor allem in Hessen, in Teilen Thüringens, Frankens und im südwestdeutschen Raum. Vergleichbar sind die Bezeichnungen Beinhaus, Karner oder Leichenhaus, die in anderen Regionen für ähnliche Funktionen stehen.
Von der Leichenhalle unterscheidet sich das Streuhaus in erster Linie durch sein Alter und seine ursprüngliche Zweckbestimmung: Es entstand in der Zeit, als Aufbahrung im eigenen Wohnhaus üblich war und das Streuhaus nur als Zwischenlager vor der Beisetzung diente. Wer die geschichtliche Entwicklung dieser Gebäude bis zur modernen Ausstattung verfolgen will, findet sie im Artikel zur Geschichte der Leichenhallen.
Entstehung und historischer Ablauf
Die Nutzung folgte einem jahrhundertealten Ablauf, der sich erst im 20. Jahrhundert abschwächte:
- Todesfall im Haus: Der Verstorbene wurde gewaschen, eingesargt und im Wohnzimmer aufgebahrt, oft drei Tage lang.
- Übergang ins Streuhaus: Am Vorabend oder Morgen der Beisetzung trug die Nachbarschaft das Streu vom Wohnhaus zum Streuhaus auf den Friedhof.
- Seelenmesse und Segen: Geistliche hielten Gebete, verbunden mit dem Läuten der Trauerglocken des benachbarten Glockenturms.
- Prozession zur Grablege: Der Sarg wurde unter Begleitung der Gemeinde zur vorbereiteten Grabstelle getragen, oft mit dem Totenbrett als Wegmarkierung.
- Rückkehr: Das entleerte Streuhaus wurde gereinigt und für den nächsten Fall vorbereitet; die Aufbewahrungskästen blieben verschlossen bis zum nächsten Einsatz.
Aufbau und Architektur
Typische Streuhäuser zeigen eine charakteristische Bauweise:
- Grundriss: Ein einzelner, turmartiger Raum von selten mehr als 4 mal 4 Metern, massiv aus Bruchstein oder Fachwerk errichtet.
- Türen: Eine hohe, zweiflügelige Tür erlaubte das Einbringen des Sarges; teilweise mit rundbogigem Abschluss und Inschriften im Sturz.
- Katafalk: In der Mitte stand ein Steinpodest, auf dem das Streu ruhte; daneben Hocker für Wächter bei Totenwachen.
- Gewölbe: Tonnengewölbe überwiegend, seltener Kreuzgewölbe; das Dach meist mit örtlichen Ziegeln oder Schiefer gedeckt.
- Datumsteine: Außenwände tragen oft eingemeißelte Jahreszahlen, die auf Reparaturen oder Neuerrichtungen verweisen.
Regionale Verbreitung und Unterschiede
Streuung des Begriffs ist kleinräumig, die Funktionen sind überregional vergleichbar:
| Region | Bezeichnung | Besonderheit |
|---|---|---|
| Hessen, Waldeck | Streuhaus, Streu | Dichte Verbreitung auf Dorffriedhöfen, oft mit Zwiebelturm |
| Thüringen, Sachsen | Leichenhaus, Totenhaus | Funktionaler Bau, oft mit Leichenkammer unter dem Kirchturm |
| Bayern, Österreich | Karner, Beinhaus | Zusätzlich Aufstellung von Gebeinen nach Ablauf der Ruhezeit |
| Norddeutschland | Totenkammer, Leichenhalle | Weniger Tradition kleinerer Streuhäuser, eher große Hallen |
Nutzungswandel und heutige Funktionen
Mit der professionalisierten Bestattung im 20. Jahrhundert verlor das Streuhaus seine Kernfunktion. Moderne Friedhöfe nutzen die historischen Bauten auf verschiedene Weise:
- Als Aufbahrungsraum für Abschiednahmen bei kleineren Friedhöfen ohne zentrale Aufbahrung-Halle.
- Als Friedhofsgeräteraum oder Werkstatt für die Grabpflege.
- Als Andachtsraum oder Raum für stille Andacht und Trauerbegleitung, ergänzend zur Friedhofskapelle.
- Als Denkmal und Anschauungsobjekt der lokalen Bestattungskultur, mit Gedenktafeln zur Geschichte des Ortes.
Denkmalpflege und Restaurierung
Streuhäuser stehen häufig unter Denkmalschutz, da sie das Erscheinungsbild historischer Friedhöfe mitprägen. Restaurierungen folgen den Grundsätzen der Charta von Venedig: Erhalt der Originalsubstanz, Ergänzungen kenntlich machen, keine Überformung. Typische Schäden sind Feuchtigkeit durch fehlende Drainagen, Schäden am Dachstuhl und verwitterte Sandsteingewände. Für die Instandsetzung setzen Kommunen je nach Aufwand zwischen 20.000 und 150.000 Euro an, gefördert teilweise über Denkmalpflegeprogramme der Länder. Für die Friedhofskultur des Landes dokumentiert die Friedhofskultur den Wert solcher Bauten über die reine Funktion hinaus.
Statistik, Geschichte und Wissenswertes
Die ältesten erhaltenen Streuhäuser Deutschlands datieren auf das 16. Jahrhundert; die Blütezeit der Bauweise lag zwischen 1700 und 1850, als fast jeder Dorffriedhof ein eigenes Streuhaus besaß. In Hessen sind heute noch mehrere hundert solcher Bauten nachweisbar, von denen ein erheblicher Teil in Denkmallisten eingetragen ist. Die Aufbahrungsfrist im häuslichen Umfeld war bis ins frühe 20. Jahrhundert religiös und praktisch begründet: Der Glaube an Scheintod verlangte Wartezeiten, bevor die Erdbestattung vollzogen wurde. Mit dem Durchbruch der Hygienelehre verboten die Länder das häusliche Aufbahren schrittweise und schrieben zentrale Leichenhallen vor, was die Streuhäuser überflüssig machte. Der Begriff Streu für den Sarg lebt in manchen Regionen bis heute in der Mundart weiter.
Vorteile des Baudenkmals für Friedhöfe
Chancen
- Identitätsstiftendes Wahrzeichen der Gemeinde
- Anziehungspunkt für Friedhofsführungen und Ortsgeschichte
- Beispielhafte Architektur der ländlichen Bestattungskultur
- Nachnutzung erhält Bausubstanz und Geschichte des Ortes
Herausforderungen
- Hohe Unterhaltskosten bei kleinem Nutzwert
- Denkmalauflagen begrenzen Umbauten für moderne Nutzungen
- Barrierefreiheit und Heizung lassen sich kaum nachrüsten
- Verfall droht auf Friedhöfen ohne Nutzungskonzept
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