Eintrag 673 · Glaube & Kultur

Likekrona: Die skandinavische Leichenkrone und ihre Tradition

Die Likekrona ist die skandinavische Variante der Totenkrone: eine aus Zweigen und Holzspänen gefertigte Krone, die im 18. und 19. Jahrhundert auf den Sarg Verstorbener gelegt wurde. Der Artikel beleuchtet Aufbau, Symbolik, regionale Unterschiede und die museale Überlieferung des Brauchs.

Was ist die Likekrona?

Die Likekrona (schwedisch für Leichenkrone, dänisch Liigkrone) ist eine in Skandinavien überlieferte Bestattungs tradition: Auf dem Sarg Verstorbener wurde eine große Krone aus Zweigholz mit dünnen, oft weiß und schwarz bemalten oder geschnitzten Verzierungen platziert. Anders als die mitteleuropäische Totenkrone aus Wachs, Perlen oder Metall ist die skandinavische Likekrona eine schlichte, volkstümliche Arbeit aus geflochtenen Zweigen und Holzspänen, die in ländlichen Gegenden oft von Dorfgemeinschaften gemeinsam angefertigt wurde.

Die Likekrona ist eng mit der lutherischen Bestattungskultur Schwedens und Dänemarks verbunden, die bis ins 20. Jahrhundert hinein sehr gleichförmig war: Jeder Verstorbene erhielt ein feierliches Begräbnis, und die Krone auf dem Sarg war Ausdruck der Würde, die man dem Menschen auch im Tod zugestand. In manchen Gegenden wurde die Krone für alle Verstorbenen des Dorfes wiederverwendet, in anderen wurde sie für den Einzelnen gefertigt und danach in der Kirche aufbewahrt oder verbrannt.

Aufbau und Symbolik

Der typische Aufbau einer Likekrona folgt einer klaren Formensprache:

  • Grundgerüst: Ein Kranz aus biegsamen Zweigen, häufig Birke oder Weide, der die Kronenform vorgibt.
  • Verzierung: Dünne, gespaltene Holzspäne, die zu Rosetten, Sternen und Bändern gearbeitet wurden; oft bemalt in Weiß und Schwarz, den Trauerfarben des Nordens.
  • Kreuz oder Christusmonogramm: Als Spitzpunkt thronte meist ein kleines Kreuz, gelegentlich auch ein Engel oder eine Taube als Auferstehungssymbol.
  • Zahlen und Initialen: Aufgebracht auf kleinen Brettchen oder in die Späne geschnitten, zeigten die Krone das Alter des Verstorbenen, teils auch Name und Sterbejahr.

Die Symbolik ist dieselbe wie bei der mitteleuropäischen Totenkrone: Die Krone steht für den Sieg über den Tod und die Würde des Verstorbenen, biblisch gedeutet als Verweis auf die Krone des Lebens aus der Offenbarung des Johannes. In Schweden kam die Vorstellung des Brautkrone-Tods hinzu: Jung Verstorbene wurden mit Krone und Brautschmuck bestattet, weil der Tod als Vermählung mit Christus galt.

Verbreitung und regionale Unterschiede

Die Likekrona war vor allem in Schweden und Dänemark verbreitet, mit unterschiedlichen Ausprägungen:

RegionTypische MerkmaleVerbleib nach der Bestattung
Schweden (ländlich)Große Zweigkronen, schwarz-weiß gefasstOft wiederverwendet, teils in Kirche aufbewahrt
Dänemark (Jütland)Kleinere Kronen, mehr HolzschnitzereiHäufig mit dem Sarg verbrannt
Norwegen (Westküste)Mischform mit Brautkrone-TraditionFamilieneigentum über Generationen
Finnland (schwedischsprachig)Dem schwedischen Typ folgendKirchliche Aufbewahrung verbreitet

In Schweden wurden Likekronor teils zentral in der Kirchengemeinde gepflegt: Die Krone hing im Kirchturm oder Leichenhaus und wurde für jede Bestattung geholt. Diese Wiederverwendung erklärt, warum viele erhaltene Exponate Spuren von Jahrzehnten Nutzung zeigen. In Dänemark setzte sich im 19. Jahrhundert die Einzelanfertigung durch, oft gefertigt vom örtlichen Tischler oder vom Klönsmed, dem Dorfschreiner.

Ablauf: Likekrona im Bestattungsritual

  1. Anfertigung: Nach dem Tod fertigte die Gemeinde oder ein Handwerker die Krone an; das Material stammte aus heimischen Wäldern.
  2. Schmücken des Sarges: Die Krone wurde auf den Sargdeckel gesetzt, oft ergänzt durch Kränze und Sargschmuck.
  3. Aufbahrung: Während der Aufbahrung im Leichenhaus oder zu Hause blieb die Krone auf dem Sarg; Besucher sahen das Symbol sofort und wussten, dass hier ein Verstorbener lag.
  4. Prozession: Beim Gang zur Kirche wurde der geschmückte Sarg getragen oder gefahren; die Krone blieb oben.
  5. Beisetzung: Bei der Grablegung wurde die Krone abgenommen und je nach_region dem Sarg beigegeben, verbrannt oder zurück in die Kirche gebracht.

Geschichte: Vom Barock zur Folklore

Die Wurzeln der Likekrona reichen bis in die Barockzeit zurück, als Totenkronen in ganz Nordeuropa zur kirchlichen Bestattungskultur gehörten. Im 18. und 19. Jahrhundert erreichte der Brauch seine Blüte: Chroniken schwedischer Gemeinden berichten von Hunderten Bestattungen mit Krone. Mit der Modernisierung im späten 19. Jahrhundert ging der Brauch zurück; Bestattungsunternehmen übernahmen die Ausstattung, und die handgefertigte Krone wich schlichteren Blumenkränzen. In Einzelregionen Schwedens und auf dem dänischen Land lebte die Likekrona aber bis ins frühe 20. Jahrhundert fort.

Heute ist die Likekrona vor allem ein museales Thema: Freilichtmuseen wie Skansen in Stockholm und das Dänische Freilichtmuseum in Kongens Lyngby bewahren Exemplare, und Volkskunde-Institute dokumentieren die Handwerkstechnik. Für Heimatforscher und Brauchtumspflege ist die Likekrona ein Zeugnis der ländlichen Bestattungskultur, das zeigt, wie eng Gemeinschaft, Glaube und Handwerk verzahnt waren.

Statistik und Fakten

  • In Schweden starb man im 19. Jahrhundert im Schnitt mit etwa 45 Jahren; jede Gemeinde erlebte zahlreiche Bestattungen mit Krone (Demografische Historik Schwedens, Schätzwert).
  • Die lutherische Kirche Schwedens war bis 2000 Staatskirche; die einheitliche Bestattungsliturgie erklärt die landesweite Verbreitung des Brauchs.
  • Erhaltene Likekronor finden sich u. a. im Nordiska Museet Stockholm und im Open Air Museum Skansen.
  • Die Parallele zur mitteleuropäischen Totenkrone ist auffällig: Auch dort stand die Krone für Würde und Auferstehungshoffnung, nur mit anderem Material.

Vorteile und Grenzen des Brauchs

Kulturelle Bedeutung

  • Würde für alle: Die Krone machte jede Bestattung feierlich, unabhängig vom Vermögen der Familie.
  • Gemeinschaftsarbeit: Das Fertigen der Krone band die Nachbarschaft in die Trauer ein.
  • Symbolkraft: Krone und Kreuz verbanden Volksglaube mit lutherischer Frömmigkeit.

Grenzen

  • Zeitaufwand: Die handwerkliche Anfertigung war aufwendig und wurde von der Industrialisierung verdrängt.
  • Regional begrenzt: Außerhalb Skandinaviens ist der Brauch kaum bekannt und heute praktisch erloschen.
  • Hygiene: Wiederverwendete Kronen aus Naturmaterial waren bei ansteckenden Krankheiten problematisch, was ihr Ende beschleunigte.

Häufige Fragen

Die Likekrona ist eine schlichte Krone aus Zweigholz, Holzspänen und Farbe, die in Skandinavien auf den Sarg gelegt wurde. Die mitteleuropäische Totenkrone besteht dagegen meist aus Wachs, Perlen oder Metall und war oft reicher verziert. Beide Formen teilen dieselbe Symbolik — Würde des Verstorbenen und Auferstehungshoffnung —, unterscheiden sich aber in Material und Herstellung: Die Likekrona war eine Arbeit der Dorfgemeinschaft, die Totenkrone eine des Handwerks.

In vielen schwedischen Gemeinden ja. Die Krone hing im Kirchturm oder Leichenhaus und wurde für jede Bestattung geholt; deshalb zeigen erhaltene Exemplare oft Spuren jahrzehntelanger Nutzung. In Dänemark setzte sich später die Einzelanfertigung durch, bei der die Krone mit dem Sarg verbrannt oder der Familie übergeben wurde.

Die Krone stand für die Würde des Verstorbenen und die Hoffnung auf Auferstehung, biblisch gedeutet als Verweis auf die Krone des Lebens. Bei jung Verstorbenen kam die Vorstellung hinzu, dass der Tod eine Art Vermählung mit Christus sei — deshalb wurden unverheiratete Tote mit Kronen geschmückt, die an Brautkronen erinnern.

Erhaltene Exemplare bewahren vor allem skandinavische Museen: das Nordiska Museet und das Freilichtmuseum Skansen in Stockholm sowie das Dänische Freilichtmuseum bei Kopenhagen. Die Objekte werden dort als Zeugnisse der ländlichen Bestattungskultur des 18. und 19. Jahrhunderts gezeigt.

Mit der Modernisierung im späten 19. Jahrhundert: Bestattungsunternehmen übernahmen die Ausstattung, und handgefertigte Kronen wichen Blumenkränzen. In ländlichen Regionen Schwedens und Dänemarks lebte der Brauch bis ins frühe 20. Jahrhundert fort, heute ist er praktisch erloschen und nur noch in der Volkskunde präsent.

Ja, in Varianten. In Norwegen vermischte sich die Totenkrone mit der Brautkrone-Tradition, teils blieben Kronen Familieneigentum über Generationen. Im schwedischsprachigen Finnland folgte man dem schwedischen Typ mit kirchlicher Aufbewahrung. Die Kernregion des Brauchs bleibt aber Schweden mit seiner einheitlichen lutherischen Bestattungskultur.

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