Was ist die Likekrona?
Die Likekrona (schwedisch für Leichenkrone, dänisch Liigkrone) ist eine in Skandinavien überlieferte Bestattungs tradition: Auf dem Sarg Verstorbener wurde eine große Krone aus Zweigholz mit dünnen, oft weiß und schwarz bemalten oder geschnitzten Verzierungen platziert. Anders als die mitteleuropäische Totenkrone aus Wachs, Perlen oder Metall ist die skandinavische Likekrona eine schlichte, volkstümliche Arbeit aus geflochtenen Zweigen und Holzspänen, die in ländlichen Gegenden oft von Dorfgemeinschaften gemeinsam angefertigt wurde.
Die Likekrona ist eng mit der lutherischen Bestattungskultur Schwedens und Dänemarks verbunden, die bis ins 20. Jahrhundert hinein sehr gleichförmig war: Jeder Verstorbene erhielt ein feierliches Begräbnis, und die Krone auf dem Sarg war Ausdruck der Würde, die man dem Menschen auch im Tod zugestand. In manchen Gegenden wurde die Krone für alle Verstorbenen des Dorfes wiederverwendet, in anderen wurde sie für den Einzelnen gefertigt und danach in der Kirche aufbewahrt oder verbrannt.
Aufbau und Symbolik
Der typische Aufbau einer Likekrona folgt einer klaren Formensprache:
- Grundgerüst: Ein Kranz aus biegsamen Zweigen, häufig Birke oder Weide, der die Kronenform vorgibt.
- Verzierung: Dünne, gespaltene Holzspäne, die zu Rosetten, Sternen und Bändern gearbeitet wurden; oft bemalt in Weiß und Schwarz, den Trauerfarben des Nordens.
- Kreuz oder Christusmonogramm: Als Spitzpunkt thronte meist ein kleines Kreuz, gelegentlich auch ein Engel oder eine Taube als Auferstehungssymbol.
- Zahlen und Initialen: Aufgebracht auf kleinen Brettchen oder in die Späne geschnitten, zeigten die Krone das Alter des Verstorbenen, teils auch Name und Sterbejahr.
Die Symbolik ist dieselbe wie bei der mitteleuropäischen Totenkrone: Die Krone steht für den Sieg über den Tod und die Würde des Verstorbenen, biblisch gedeutet als Verweis auf die Krone des Lebens aus der Offenbarung des Johannes. In Schweden kam die Vorstellung des Brautkrone-Tods hinzu: Jung Verstorbene wurden mit Krone und Brautschmuck bestattet, weil der Tod als Vermählung mit Christus galt.
Verbreitung und regionale Unterschiede
Die Likekrona war vor allem in Schweden und Dänemark verbreitet, mit unterschiedlichen Ausprägungen:
| Region | Typische Merkmale | Verbleib nach der Bestattung |
|---|---|---|
| Schweden (ländlich) | Große Zweigkronen, schwarz-weiß gefasst | Oft wiederverwendet, teils in Kirche aufbewahrt |
| Dänemark (Jütland) | Kleinere Kronen, mehr Holzschnitzerei | Häufig mit dem Sarg verbrannt |
| Norwegen (Westküste) | Mischform mit Brautkrone-Tradition | Familieneigentum über Generationen |
| Finnland (schwedischsprachig) | Dem schwedischen Typ folgend | Kirchliche Aufbewahrung verbreitet |
In Schweden wurden Likekronor teils zentral in der Kirchengemeinde gepflegt: Die Krone hing im Kirchturm oder Leichenhaus und wurde für jede Bestattung geholt. Diese Wiederverwendung erklärt, warum viele erhaltene Exponate Spuren von Jahrzehnten Nutzung zeigen. In Dänemark setzte sich im 19. Jahrhundert die Einzelanfertigung durch, oft gefertigt vom örtlichen Tischler oder vom Klönsmed, dem Dorfschreiner.
Ablauf: Likekrona im Bestattungsritual
- Anfertigung: Nach dem Tod fertigte die Gemeinde oder ein Handwerker die Krone an; das Material stammte aus heimischen Wäldern.
- Schmücken des Sarges: Die Krone wurde auf den Sargdeckel gesetzt, oft ergänzt durch Kränze und Sargschmuck.
- Aufbahrung: Während der Aufbahrung im Leichenhaus oder zu Hause blieb die Krone auf dem Sarg; Besucher sahen das Symbol sofort und wussten, dass hier ein Verstorbener lag.
- Prozession: Beim Gang zur Kirche wurde der geschmückte Sarg getragen oder gefahren; die Krone blieb oben.
- Beisetzung: Bei der Grablegung wurde die Krone abgenommen und je nach_region dem Sarg beigegeben, verbrannt oder zurück in die Kirche gebracht.
Geschichte: Vom Barock zur Folklore
Die Wurzeln der Likekrona reichen bis in die Barockzeit zurück, als Totenkronen in ganz Nordeuropa zur kirchlichen Bestattungskultur gehörten. Im 18. und 19. Jahrhundert erreichte der Brauch seine Blüte: Chroniken schwedischer Gemeinden berichten von Hunderten Bestattungen mit Krone. Mit der Modernisierung im späten 19. Jahrhundert ging der Brauch zurück; Bestattungsunternehmen übernahmen die Ausstattung, und die handgefertigte Krone wich schlichteren Blumenkränzen. In Einzelregionen Schwedens und auf dem dänischen Land lebte die Likekrona aber bis ins frühe 20. Jahrhundert fort.
Heute ist die Likekrona vor allem ein museales Thema: Freilichtmuseen wie Skansen in Stockholm und das Dänische Freilichtmuseum in Kongens Lyngby bewahren Exemplare, und Volkskunde-Institute dokumentieren die Handwerkstechnik. Für Heimatforscher und Brauchtumspflege ist die Likekrona ein Zeugnis der ländlichen Bestattungskultur, das zeigt, wie eng Gemeinschaft, Glaube und Handwerk verzahnt waren.
Statistik und Fakten
- In Schweden starb man im 19. Jahrhundert im Schnitt mit etwa 45 Jahren; jede Gemeinde erlebte zahlreiche Bestattungen mit Krone (Demografische Historik Schwedens, Schätzwert).
- Die lutherische Kirche Schwedens war bis 2000 Staatskirche; die einheitliche Bestattungsliturgie erklärt die landesweite Verbreitung des Brauchs.
- Erhaltene Likekronor finden sich u. a. im Nordiska Museet Stockholm und im Open Air Museum Skansen.
- Die Parallele zur mitteleuropäischen Totenkrone ist auffällig: Auch dort stand die Krone für Würde und Auferstehungshoffnung, nur mit anderem Material.
Vorteile und Grenzen des Brauchs
Kulturelle Bedeutung
- Würde für alle: Die Krone machte jede Bestattung feierlich, unabhängig vom Vermögen der Familie.
- Gemeinschaftsarbeit: Das Fertigen der Krone band die Nachbarschaft in die Trauer ein.
- Symbolkraft: Krone und Kreuz verbanden Volksglaube mit lutherischer Frömmigkeit.
Grenzen
- Zeitaufwand: Die handwerkliche Anfertigung war aufwendig und wurde von der Industrialisierung verdrängt.
- Regional begrenzt: Außerhalb Skandinaviens ist der Brauch kaum bekannt und heute praktisch erloschen.
- Hygiene: Wiederverwendete Kronen aus Naturmaterial waren bei ansteckenden Krankheiten problematisch, was ihr Ende beschleunigte.



