Wenn Trauer bezahlt wurde
Jahrtausendelang gehörten sie zu jeder Beerdigung: Frauen in dunklen Gewändern, die laut klagten, weinten, sangen und die Toten mit Geschichten und Rufen begleiteten — die Klageweiber. Sie waren die ersten professionellen Trauernden der Geschichte: bezahlt, geübt, in ihrer Kunst ausgebildet. In vielen Kulturen des Altertums und der Antike war eine Beerdigung ohne sie unvorstellbar; ihre Rufe strukturierten den Ablauf, ihre Lieder gaben der Trauer eine Stimme. Der Artikel zeichnet die Geschichte der Klageweiber nach — von Ägypten bis Irland.
Wurzeln im Altertum
In Ägypten begleiteten Klagende die Mumifizierung und das Begräbnis — auf Wandbildern sind die Reihen der weinenden Frauen dargestellt, Arme erhoben, Staub auf das Haupt. In der griechischen und römischen Welt waren Klageweiber ein eigenes Gewerbe: die römischen Praeficae — 'Vorsagerinnen' — standen am Anfang des Leichenzugs und riefen die Verdienste des Toten. Der Ablauf ist verwandt mit den Riten, die der Artikel zur Bestattung in der Antike beschreibt. Auch das alte Israel kannte sie: Jeremia klagt über die zerstörte Jerusalem, und im Buch der Klagelieder lebt ihre Stimme fort.
Formen der Klage weltweit
| Kultur | Form der Klage |
|---|---|
| Ägypten | Reihen weinender Frauen bei Prozession und Grab; Nilschlamm auf dem Haupt als Trauerzeichen |
| Griechenland und Rom | Praeficae mit Rufen am Anfang des Leichenzugs; Klagegesänge (Thrênoi, Neniae) am Grab |
| Jüdische Tradition | Klagelieder in biblischer Zeit; die moderne jüdische Trauer kennt organisierte Klagende nicht mehr — der Artikel zur jüdischen Bestattung beschreibt den heutigen Ritus |
| Irland und Schottland | Keening — klagende Gesänge der Frauen über dem Leichnam, oft improvisiert, oft über Stunden |
| Italien und Spanien | Prefiche und Planideras — bezahlte Klagende bis ins 20. Jahrhundert, besonders in Süditalien und Sardinien |
| Westafrika | In vielen Kulturen professionelle Klagende; teilweise bis heute Teil großer Trauerzeremonien |
Warum die Klage professionell war
Der Grund war praktisch: Trauer braucht Stimme. Die Hinterbliebenen waren oft stumm vor Schmerz — die Klageweiber gaben der Trauer Worte, Melodien und Rhythmus. Sie kannten die Formeln, die Geschichten der Ahnen, die Rufe der Verabschiedung; sie strukturierten den Ablauf und hoben den Status der Familie: Je lauter und mehr die Klage, desto höher die Ehre des Verstorbenen. In manchen Kulturen war die Klage zugleich sozialer Kitt: Sie machte Trauer öffentlich und erlaubte der Gemeinschaft, Anteil zu nehmen — eine Funktion, die heute Trauerbegleitung und Trauergruppen auf andere Weise übernehmen.
Niedergang und Nachleben
Mit der Christianisierung und der bürgerlichen Moderne verschwanden die Klageweiber: Die Kirche kritisierte die bezahlte Klage als 'Heidentum'; die Aufklärung empfand laute Trauer als unzivilisiert; das Bürgertum entwarf die stille, private Trauer. Doch die Klage überlebt in anderen Formen: In Süditalien und auf Sardinien gab es bis ins 20. Jahrhundert Planideras; im irischen Keening lebt die Tradition als folkloristisches Erbe; in Westafrika begleiten professionelle Klagende bis heute große Beerdigungen. Und selbst in der modernen Trauerkultur taucht die Funktion wieder auf: Wenn Trauerredner sprechen oder Trauermusik die Gefühle bündelt, erfüllen sie dieselbe Aufgabe wie die Klageweiber von einst — der Trauer eine Form geben, die die Familie allein nicht finden kann.





