Särge, die vom Leben erzählen

In Ghana endet das Leben nicht in schlichtem Holz: Die Ga, eine Ethnie in der Region um Accra, bestatten ihre Verstorbenen in Fantasiesärgen — Behältnissen in Form von Fischen, Flugzeugen, Bibeln, Schuhen oder Kakaofrüchten. Der Sarg ist dabei kein neutrales Behältnis, sondern eine Botschaft: Er erzählt, wer der Verstorbene war, welchen Beruf er ausübte, wovon er träumte. Die Särge sind bunt, aufwendig geschnitzt und kosten ein Vielfaches eines einfachen Modells. Für die Ga sind sie der würdigste Abschied, den eine Familie organisieren kann — und für die Kunstwelt längst ein Exportschlager.

Die Geburt einer Kunstform

Der Ursprung der Sargkunst wird meist mit Kane Kwei verbunden, einem Tischler aus Teshie, der in den 1950er-Jahren einen Sarg in Form eines Kakao-Sacks baute — angeblich für einen Verwandten, der als wohlhabender Kakaobauer gelebt hatte. In den folgenden Jahrzehnten entwickelte die Werkstatt, heute unter dem Namen Kane Kwei Carpentry Workshop von Nachfahren geführt, die Formensprache weiter: Schuhe für Wohlstand, Kämme für Führungspersönlichkeiten, Hähne für Erste unter Gleichen. Heute arbeiten in Teshie und Nungua Dutzende Werkstätten in Familientradition; die Sargbaukunst ist ein anerkanntes Handwerk mit eigener Lehre.

Was die Formen bedeuten

SargformTypische Bedeutung
FischFischer, aber auch Fruchtbarkeit und christliche Symbolik
FlugzeugAufstieg, Fernweh oder unerfüllter Reisewunsch des Verstorbenen
BibelPrediger, Kirchengründer oder tiefgläubige Christen
KakaofruchtWohlstand durch Kakaoanbau — das klassische Statussymbol
SchuhSchuster oder allgemein ein gutes, sattes Leben
Hahn oder MöweFührung, Wachsamkeit, erste Stimme der Gemeinschaft

In Ghana heißen die Särge abebuu adekai — etwa 'Proverbialkisten', weil die Formen oft Sprichwörter visualisieren. Viele Motive tragen zugleich christliche Bedeutung: Das Flugzeug steht für die Reise in den Himmel, die Bibel für das Wort Gottes — die Ga sind mehrheitlich Christen.

Bestattung als Fest und Investition

Die Beerdigungen der Ga sind große gesellschaftliche Ereignisse, deren Vorbereitung oft Monate dauert, bis die Familie die Mittel beisammen hat. Der Fantasiesarg ist dabei Prestigeobjekt und Ausdruck der Ehre zugleich: Wer es sich leisten kann, gibt das Vielfache eines Monatslohns aus. Die Preislogik folgt anderen Regeln als in Europa — es geht nicht um den Materialwert, sondern um die Botschaft an die Gemeinschaft und den Verstorbenen. Eine ähnliche Diskussion über die Bedeutung von Aufwand und Würde kennt auch Deutschland; die Artikel zu den Bestattungskosten und zur Auswahl des Sargs ordnen die hiesige Praxis ein.

Vom Handwerk zur Weltkunst

Seit den 1970er-Jahren entdeckte die internationale Kunstwelt die Särge: Museen in Europa und den USA erwarben Arbeiten ghanaischer Meister, Ausstellungen machten die Formen weltberühmt. Der Übergang ist fließend — viele Werkstätten verkaufen Miniaturen an Sammler und bauen parallel für den Eigengebrauch. Der berühmteste Vertreter, der Bildhauer Paa Joe, schuf Särge für Galerien und Sammler weltweit. Für die Familien selbst bleibt der Sarg, was er immer war: die letzte Erzählung eines Lebens.

Tradition im Wandel

Die Moderne verändert die Symbolik: Neben Bibeln entstehen Mobiltelefone, Mercedes-Sterne und Mikrofone — die Formen folgen den Träumen der Gegenwart. Zugleich wächst die Kritik am Aufwand, den sich verschuldete Familien machen. Der Kern aber bleibt: Der Sarg verbindet die Lebenden mit dem Verstorbenen und mit der Gemeinschaft. Damit steht die ghanaische Praxis in einer Linie mit den großen Bestattungsritualen weltweit, die alle dasselbe leisten — Abschied geben, Status ordnen, Erinnerung sichern. Die tiefere Geschichte solcher Formen erzählt der Artikel zur Geschichte der Bestattung.