Was ist die Abschiednahme?
Die Abschiednahme ist das persönliche Abschiednehmen der Angehörigen vom aufgebahrten Verstorbenen — meist im Abschiedsraum des Bestattungsunternehmens, im Krankenhaus oder im Hospiz. Sie ist freiwillig, unabhängig von der Bestattungsart möglich und für die meisten Familien kostenfrei, weil die Nutzung des Abschiedsraums in der Grundleistung des Bestatters enthalten ist. Viele Bestatter und Trauerbegleiter raten ausdrücklich dazu, weil das Sehen und Berühren des Verstorbenen vielen Menschen hilft, den Tod zu begreifen — im doppelten Wortsinn.
Vom offenen Sarg spricht man, wenn der Sargdeckel ganz oder teilweise geöffnet bleibt. Der Zustand des Verstorbenen hängt von der Todesart ab: Nach einem Unfall, langer Krankheit oder intensivmedizinischer Behandlung kann das Erscheinungsbild verändert sein; eine thanatologische Versorgung (hygienisch-berufsmäßige Totenversorgung, 80–250 Euro) gleicht sichtbare Veränderungen aus. Auch eine Abschiednahme am geschlossenen Sarg, an der Urne oder Symbolisch mit einem Foto ist möglich, wenn die Familie das offene Abschiednehmen scheut — der sinnliche Abschied ist eine Hilfe, aber keine Pflicht.
Wer kann an einer Abschiednahme teilnehmen?
Grundsätzlich entscheidet die Familie, wer Abschied nimmt: enge Verwandte, Freunde, Nachbarn, Kollegen. Auch Kinder können teilnehmen; die Trauerforschung empfiehlt, Kinder nicht von Abschieden auszugrenzen, sondern sie altersgerecht zu begleiten (Kindergartenalter: kurze Rituale mit Begleitung, Schulalter: eigene Entscheidungen respektieren). Wer unsicher ist, ob die Kinder hingehen sollen, findet im Artikel Kinder und Trauer Anregungen.
In Kliniken und Hospizen gilt die Regel: Das Abschiedsraum-Angebot wird allen Angehörigen eröffnet. Wer nicht kommen kann, darf sich verabschieden, wie es geht — über ein Foto, ein Gebet oder einen Abschiedsbrief (siehe Abschiedsbrief). Für die Zeit nach der Abschiednahme gilt: Es gibt keine Pflicht zu Tränen oder bestimmten Gesten; jedes ehrliche Abschiedsverhalten ist richtig.
Ablauf und Gestaltung der Abschiednahme
Die Abschiednahme folgt in der Praxis einem einfachen Rahmen, den die Familie selbst bestimmt:
- Termin mit dem Bestatter abstimmen — meist am Todestag oder am Folgetag; auch mehrere Stunden oder mehrere Tage sind möglich.
- Raum vorbereiten — Kerzen, Blumen, Musik, Bibel- oder Lesestellen, Kinderzeichnungen oder Erinnerungsstücke am Sarg.
- Stille Betrachtung — die Familie verbringt Zeit am Verstorbenen, berührt die Hände, spricht, betet oder schweigt.
- Kleine Rituale — Briefe beilegen, ein Foto auf den Sargdeckel legen, Blumen niederlegen, gemeinsames Vaterunser oder ein Lied.
- Verabschiedung — oft mit einem kurzen Wort des Bestatters oder Trauerredners; danach wird der Sarg geschlossen (oft unter Beteiligung der Angehörigen).
Die Dauer liegt meist zwischen 15 und 60 Minuten; manche Familien nutzen den Raum mehrere Stunden. Wer die Abschiednahme in der Wohnung des Verstorbenen wünscht, braucht die Zustimmung des Gesundheitsamts bzw. der Friedhofsverwaltung — in den meisten Bundesländern ist die Aufbahrung zu Hause für begrenzte Zeit erlaubt (Details im Artikel Aufbahrung).
Kosten der Abschiednahme
Die Nutzung des Abschiedsraums ist bei den meisten Bestattern in der Grundleistung enthalten (Bestatter-Grundleistungen liegen bundesweit bei 1.000–2.500 Euro). Zusatzkosten entstehen nur bei Sonderwünschen:
| Position | Spanne | Typisch |
|---|---|---|
| Abschiedsraum (im Grundleistungspreis enthalten) | 0 Euro | 0 Euro |
| Thanatologische Versorgung (Totenkosmetik) | 80–250 Euro | 150 Euro |
| Musik/Technik, verlängerte Raumzeit | 0–150 Euro | 50 Euro |
| Überführung des Verstorbenen ins Haus | 150–400 Euro | 250 Euro |
Religiöse und kulturelle Traditionen
In verschiedenen Konfessionen und Kulturen hat die Abschiednahme unterschiedliche Formen:
- Römisch-katholisch: Häufig Abschied am offenen Sarg mit Gebet und Weihrauch; der Leichnam wird in der Regel bis zur Trauerfeier aufgebahrt.
- Evangelisch: Abschied am Sarg ist möglich, oft mit Lied und Fürbitte; die theologische Tradition betont die Gnade statt des Leichnams, weshalb geschlossene Särge häufiger sind.
- Orthodox: Der Tote bleibt bis zur Beisetzung zu Hause bzw. im Versammlungsraum aufgebahrt; Angehörige küssen die Stirn des Verstorbenen als Zeichen der Verbundenheit.
- Jüdisch: Die Totenwache (Schemira) begleitet den Verstorbenen bis zur Beisetzung; der Leichnam wird traditionell nicht kosmetisch versorgt.
- Islamisch: Rasche Beisetzung (möglichst innerhalb von 24 Stunden), Totenwaschung durch Angehörige gleichen Geschlechts; der Abschied ist körperlich-sinnlich und zugleich schlicht.
Psychologische Bedeutung
Die Trauerforschung empfiehlt Abschiednahmen, weil sie den Realitätsbezug herstellen: Wer den Verstorbenen gesehen hat, kann die Nachricht des Todes kognitiv besser einordnen. Studien zur komplizierten Trauer zeigen, dass das Ausbleiben eines Abschieds — etwa nach plötzlichen Todesfällen oder während der Pandemie — ein Risikofaktor für anhaltende Trauerstörungen ist (siehe Trauerarbeit und Abschied ohne Abschiednahme). Zugleich gilt: Nicht jeder Mensch braucht den visuellen Abschied. Wer sich davor fürchtet, sollte nicht gedrängt werden; Alternativen wie Erinnerungsrituale, Fotos oder symbolische Handlungen bieten ebenfalls Halt.
Ein wichtiges Feld ist die Abschiednahme für Kinder: Sie dürfen Abschied nehmen, wenn sie vorbereitet werden. Kinderhospize und Kindertrauerzentren bieten begleitete Abschiednahmen an, bei denen Fachpersonal die Familie unterstützt. Für Eltern nach dem Verlust eines Kindes ist die Abschiednahme oft ein zentraler Baustein der späteren Erinnerung.
Typische Fragen und Sorgen
Die drei häufigsten Sorgen vor einer Abschiednahme lassen sich entkräften:
- 'Das Bild verfolgt mich.' — In der Regel bleibt nicht das Bild des Toten, sondern das des Abschieds; das Erinnerungsbild des Verstorbenen aus der Abschiednahme ist überwiegend friedlich. Wer große Angst hat, kann kurz hineinschauen und wieder gehen.
- 'Der Tote sieht nicht mehr aus wie er/sie.' — Die thanatologische Versorgung gleicht viel aus; was bleibt, ist ein ruhiges, würdiges Bild. Erwartungen an 'wie im Schlaf' sind aber falsch: Ein Toter ist kein Schlafender.
- 'Ich weiß nicht, was ich tun soll.' — Es gibt kein richtiges Verhalten. Gehen, stehen, sitzen, sprechen, schweigen, weinen oder lachen — alles ist erlaubt. Der Bestatter bereitet den Raum vor und erklärt Ablauf und Möglichkeiten.
Statistik und Fakten
Zahlen zur Verbreitung der Abschiednahme sind spärlich; die Athena-Studie 2024 zeigt, dass rund 40 Prozent der Familien eine Abschiednahme nutzen (Schätzwert der Branche). Die durchschnittlichen Bestattungskosten in Deutschland liegen bei 6.208 Euro (Athena-Studie 2024); die Abschiednahme selbst kostet nichts extra, außer bei Sonderwünschen. Insgesamt verstarben 2023 in Deutschland 1,17 Millionen Menschen (Statistisches Bundesamt) — hinter jedem dieser Todesfälle stehen Angehörige, die Abschied nehmen mussten.
Interessant ist die historische Wende: Bis ins 20. Jahrhundert war der Tote im Zentrum der Bestattungskultur; erst mit dem Aufstieg der Bestatterkammern und der Krematorien wanderte der Abschied in eigene Räume. Die Rückkehr der Abschiednahme seit den 1990er Jahren — offene Särge in Abschiedsräumen, Abschiedsräume in Kliniken und Hospizen — ist eine bewusste Gegenbewegung.
GUT ZU WISSEN
Die Abschiednahme ist freiwillig, kostenlos und unabhängig von der Bestattungsart möglich. Sie hilft, den Tod zu begreifen — aber niemand muss hineinschauen, dem es schwerfällt. Wer nicht Abschied nehmen kann, findet in symbolischen Ritualen gleichwertige Alternativen.
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