Wer den Erblasser verletzt, soll nicht erben
Das Erbrecht kennt einen Grundsatz, der älter ist als fast jeder andere: Täter sollen von ihrem Verbrechen nicht profitieren. Wer den Erblasser vorsätzlich und rechtswidrig getötet hat oder dies versucht hat, kann seine Erbenstellung verlieren — die sogenannte Erbunwürdigkeit (§ 2339 BGB). Dasselbe gilt, wer den Erblasser durch Drohung oder Zwang zu einer letztwilligen Verfügung genötigt oder die Abfassung eines Testaments verhindert hat (Testierunterdrückung).
Die gesetzlichen Gründe im Überblick
- Tötung: Vorsätzliche, rechtswidrige Tötung oder Versuch — rechtskräftige strafrechtliche Verurteilung ist nicht ausdrücklich Voraussetzung, dient aber als Nachweis.
- Falschaussage und Urkundenfälschung: Wer sich durch Meineid oder gefälschte Urkunden die Erbschaft verschafft hat, ist unwürdig.
- Zwang und Drohung: Nötigung des Erblassers bei der Errichtung oder Aufhebung des Testaments.
- Testierunterdrückung: Wer den Erblasser am Verfassen eines Testaments gehindert hat, kann nicht erben.
Die Regeln gelten entsprechend auch für Pflichtteilsberechtigte und Vermächtnisnehmer.
Wie wird die Erbunwürdigkeit geltend gemacht?
Die Unwürdigkeit tritt nicht automatisch ein. Vielmehr muss der Unwürdige durch Anfechtung in seiner Erbenstellung verdrängt werden: durch Erklärung gegenüber dem Nachlassgericht (§ 2340 BGB) oder durch Klage auf Erklärung der Erbunwürdigkeit (§ 2342 BGB). Berechtigt sind die Erben, die bei Wegfall des Unwürdigen profitieren würden, sowie der Pflichtteilsberechtigte. Die Frist beträgt ein Jahr ab Kenntnis von Unwürdigkeitsgrund und Person des Unwürdigen (§ 2341 BGB); spätestens 30 Jahre nach dem Erbfall ist Schluss. Der Nachweis ist Gegenstand eines Erbschein-Verfahrens, das Gericht berücksichtigt die Unwürdigkeit nur bei rechtzeitiger Geltendmachung.
Verzeihung — die größte Ausnahme
Der Erblasser selbst kann die Unwürdigkeit heilen: Wer dem Täter verzeiht (§ 2337 BGB), beseitigt die Unwürdigkeit endgültig — selbst nach rechtskräftiger Verurteilung. Die Verzeihung kann ausdrücklich oder durch entsprechendes Verhalten erklärt werden und wird häufig in Familien beobachtet, in denen Kontakte wiederaufgenommen wurden.
Rechtsfolgen für den Unwürdigen
Wird die Unwürdigkeit erfolgreich geltend gemacht, gilt der Unwürdige als nicht vorhanden: Der Erbteil wächst den übrigen Erben an, der Unwürdige muss die Erbschaft wie ein unredlicher Besitzer herausgeben und Auskunft erteilen (§ 2345 BGB). Das Recht auf den Herausgabeanspruch ist vererblich — stirbt der Unwürdige, müssen seine Erben zurückgeben. Wer sich gegen eine Enterbung wehrt, findet weitere Informationen im Artikel zum Pflichtteil und zur Erbengemeinschaft.





