Die Toten bleiben im Haus
Im Hochland der indonesischen Insel Sulawesi leben die Toraja — berühmt für eine Bestattungskultur, die das Sterben radikal anders ordnet: Der Tod ist hier kein Ereignis, sondern ein Prozess. Verstorbene gelten so lange nicht als tot, sondern als krank — auf Toraja heißt das tomate, der 'Kranke'. Sie bleiben in einem Seitenraum des Hauses, versorgt mit Speisen und Getränken; die Familie spricht mit ihnen, fragt um Rat und wartet, bis die große Zeremonie bezahlt werden kann. Das kann Wochen dauern, in wohlhabenden Familien auch Jahre.
Rambu Solo: die große Beerdigung
Das eigentliche Begräbnis, Rambu Solo, ist die wichtigste soziale Veranstaltung des Toraja-Lebens — größer als jede Hochzeit. Hunderte, manchmal Tausende Gäste kommen; Chöre singen, Büffel und Schweine werden geschlachtet, deren Zahl den Status der Familie anzeigt. Die Tiere gelten als Wegzehrung und Begleitung des Verstorbenen in das Reich der Seelen (Puya). Ein junger Büffel mit rosafarbenem Fell gilt als besonders wertvoll. Die Zeremonie ordnet zugleich Schulden, Bündnisse und Erbfolgethemen der gesamten Dorfgemeinschaft — Bestattung ist hier Gesellschaftsordnung in Reinform, ein Aspekt, den auch der Artikel zu den Bestattungsritualen weltweit herausarbeitet.
Felsengräber und Tau-Tau
Die Toraja bestatten ihre Toten nicht in der Erde, sondern in Felswände geschlagene Kammern: unter überhängenden Klippen (Londa), in Höhlen oder in hängenden Gräbern an Steilwänden. Vor vielen Fassaden stehen auf hölzernen Balkonen die Tau-Tau: lebensgroße, reich gekleidete Holzfiguren, die den Verstorbenen darstellen und seinen Namen tragen. Sie blicken über die Reisterrassen ins Tal — sichtbar, geehrt, gegenwärtig. In manchen Regionen werden Säuglinge in Baumhöhlen beigesetzt, deren Wurzeln dem Volksglauben nach wie Milch wirken sollen: eine der berühmtesten Formen kindlicher Bestattung überhaupt, verwandt mit den Fragen, die in Deutschland der Artikel zum Sternenkind behandelt.
Ma'nene: die Totenpflege
Alle paar Jahre — meist im August — feiern Familien das Ma'nene, die 'Totenpflege': Die Grabkammern werden geöffnet, die mumifizierten Verstorbenen herausgehoben, von Staub befreit, in neue Tücher gewickelt und im Dorf umhergetragen. Neue Kleider für die Ahnen, Erzählen, Fotografieren: Die Zeremonie drückt eine andauernde Beziehung aus. Die Toraja verstehen Ahnen nicht als Vergangene, sondern als nahe Angehörige, die versorgt werden müssen — eine Jenseitsbeziehung, die man unter dem Stichwort der Jenseitsvorstellungen der Weltreligionen vergleichen kann.
Tradition, Tourismus und Wandel
Christentum und Tourismus haben die Riten verändert: Die Kirchen in Tana Toraja dulden die Zeremonien, sofern sie nicht zu lange aufgeschoben werden; Beton-Büffel stehen heute neben echten auf den Grabterrassen; Reisegruppen besuchen Londa und die Dörfer. Der Kern aber bleibt — die Beziehung zwischen Toten und Lebenden endet nicht mit der Beisetzung, sie wird gepflegt, finanziert und gefeiert. Damit zeigen die Toraja, dass Bestattung immer auch eine Antwort auf die Frage ist, was nach dem Tod bleibt — dieselbe Frage, die auf andere Weise die tibetische Himmelsbestattung beantwortet.





