Das Buch der Befreiung im Zwischenzustand

Das Bardo Thodol — im Westen als Tibetanisches Totenbuch bekannt — ist eines der einflussreichsten Werke der Menschheitsliteratur über den Tod. Der tibetische Text entstand vermutlich im 8. Jahrhundert und wurde vom Entdecker Walter Evans-Wentz 1927 unter dem Titel 'The Tibetan Book of the Dead' weltweit bekannt. Sein Kern ist eine Anleitung für die Zeit zwischen Tod und Wiedergeburt — den Bardo. In tibetischer Tradition wird der Text Sterbenden und Verstorbenen vorgelesen: als Begleitung, als Wegweisung, als Trost.

Die drei Zustände nach dem Tod

Das Bardo Thodol beschreibt drei Phasen des Zwischenzustands, die die Verstorbene oder der Verstorbene durchläuft:

  • Chikhai Bardo — der Todesaugenblick: Die Natur des Geistes offenbart sich in reinem Licht; wer es erkennt, erlangt Befreiung.
  • Chonyid Bardo — die Erscheinungen: Friedvolle und zornige Gottheiten erscheinen; der Text hilft, die Visionen als eigene Geistesprojektionen zu erkennen.
  • Sidpa Bardo — die Wiedergeburt: Die Seele sucht einen neuen Mutterleib; die Texte lenken sie zu einer guten Geburt.

Die Vorstellung eines Übergangs zwischen den Welten teilt das Bardo Thodol mit vielen Religionen — der Artikel zu den Jenseitsvorstellungen der Weltreligionen ordnet die Modelle ein.

Vorlesen als Sterbebegleitung

Phase des SterbensPraxis des Bardo Thodol
Letzte StundenRuhiges Vorlesen, Erinnern an Meditation und Lehrer, sanfte Berührung
Unmittelbar nach dem TodTexte des Chikhai Bardo — Aufforderung, das Licht zu erkennen
Tage danachTägliche Rezitation, Rituale von Mönchen, Gebete für den weiteren Weg
Bis zur BestattungDer Körper wird respektiert; die Seele gilt als noch anwesend — verwandt mit der Totenwache anderer Kulturen

Buddhistischer Hintergrund

Das Buch wurzelt im tibetischen Buddhismus: Tod ist nicht Ende, sondern Übergang in einem Kreislauf von Werden (Samsara). Die Zielsetzung des Textes ist die Befreiung — das Erkennen der wahren Natur des Geistes im Todesmoment, das den Kreislauf beendet. Wer sie nicht erlangt, wird wiedergeboren; das Buch lenkt diese Wiedergeburt. Die Grundlagen dieser Weltanschauung erklärt der Artikel zur Buddhistischen Bestattung; die Meditationspraxis im Umgang mit Sterblichkeit beschreibt der Beitrag zur buddhistischen Meditation über den Tod.

Das Buch im Westen

Die Rezeption im Westen war intensiv und wandelbar: Psychoanalytiker wie C.G. Jung sahen darin ein Spiegelbild der Unbewussten; die Beat- und Hippie-Generation feierte es als psychedelischen Schlüssel; Palliativmediziner entdeckten die Sterbebegleitung als Vorbild. Auch heute wird das Bardo Thodol in Hospizen und in der Sterbebegleitung gelesen — nicht als Glaubenssystem, sondern als Beispiel für eine Kultur, die den Tod als Weg begreift und nicht als Ende. In dieser Hinsicht ist das Tibetanische Totenbuch ein Dokument der Geschichte der Bestattung — und zugleich ein lebendiger Ratgeber, der Fragen beantwortet, die jede Gesellschaft stellt.